Niemals gut genug

Es hat mich erwischt, mein Körper war zu schwach, mein Immunsystem zu wenig stark – ich hatte mir das Virus eingefangen.

Ich, die sich eigentlich sehr bewusst ernährt, die regelmässig Sport treibt, sowohl um die körperliche- wie auch psychische Gesundheit besorgt ist. Das Virus hat mich getroffen, aber nicht nur körperlich; sondern vor allem auf der seelischen Ebene.
Ich und die Meisten von euch kennen mich nur stark, aktiv; «unkaputtbar» sozusagen- und so fühle ich mich ehrlichgesagt auch am liebsten.
Da war nun aber dieser Virus in mir und hat mich in die Knie gezwungen, hat mich gezwungen mehrere Gänge zurückzuschalten, mich auszuruhen- dass mir das dermassen schwerfällt, hätte ich nicht gedacht.

Ich mache hier gerade einen Seelen-Striptease vor dir, denn da war diese eine Erkenntnis, die ich unbedingt mit dir teilen möchte.
Ich zeige mich verletzbar, unperfekt und echt – denn ich bin überzeugt, dass die Welt mehr echte Menschen benötigt, und dass «unperfekt und fehlerhaft» zu einer neuen Lebensweise werden darf.

Immer wenn ich also dachte, dass es bergauf geht und ich bald wieder voller Energie bin, kam der nächste Rückschlag und ich fühlte mich schlechter als zuvor.
Eine liebe Freundin hat mich dann dazu motiviert, tiefer zu blicken. Sie meinte «was sind deine Schatten und Ängste im Bezug auf deine Corona Erkrankung, was geht in dir vor? Gibt es vielleicht einen Teil in dir, der so stark im Widerstand ist, dass es mehrere Wellen benötigt, damit sich dieser Teil transformieren kann?»
Tadaaaa, da war sie, die Antwort! Ich hatte Widerstand, und wie! Widerstand gegen das Schwachsein, Widerstand dagegen, verletzbar zu sein. Ich hatte Widerstand dagegen, nicht über meinen Körper bestimmen zu können. Und jedes Mal wenn ich das Gefühl hatte, jetzt habe ich es geschafft, kam die nächste Welle um mir genau das Gegenteil zu beweisen.
Ja, das sind meine persönlichen Baustellen und ich offenbare sie dir gerade ganz unverblümt. Jeder von uns führt sie, die Kämpfe gegen sich selbst. Denn es ist schwierig, dass Körper, Geist und Seele immer und zu jeder Zeit kongruent sind- und das müssen sie auch nicht. Aber es ist von Vorteil, sich bewusst mit den eigenen Kämpfen auseinanderzusetzen und sie im besten Fall zu überwinden – den Kampf beenden, ohne ihn gewinnen zu wollen. Denn wo Gewinner sind, sind auch Verlierer- bei einem Kampf mit sich selbst eher kontraproduktiv.

Es ist wichtig zu verinnerlichen, dass man gut genug ist, auch wenn es für jeden von uns Themen gibt, die nach Renovierung schreien. Wir alle struggeln immer wieder mit unseren ganz persönlichen Themen – so ist das Leben.
Wir unterbinden den natürlichen Reflex unseres Organismus nach Selbstreparatur, weil wir mit dem, was in uns kaputt und noch nicht ganz und heil ist, nicht Frieden schliessen können.
Und genau das wurde mir zu diesem Zeitpunkt schmerzlich bewusst.
Ich versuchte die nächste Zeit also bewusst, mein nicht vorhandenes Energielevel zu akzeptieren; mir und meinem Körper eine Pause zu gönnen, ihn genesen zu lassen. Wirklich akzeptieren heisst, etwas zu lieben, was eigentlich nicht liebenswert ist und mit all unseren Teilen und auf der tiefsten Ebene, die möglich ist, im Frieden damit zu sein. Dieser Punkt ist der beste Startpunkt für die Aktivierung der Selbstheilung in unserem System. Dazu muss man aber vielleicht noch tiefer tauchen und ich stellte mir deshalb die Frage, weshalb ich «Schwäche» so sehr verabscheue. Was löst es in mir aus, woher kommt dieser Widerstand? Erst als ich dieser Antwort auf die Schliche gekommen war, fing ich an, mich besser zu fühlen.
Tief in uns allen ist wohl der Wunsch verankert, gut genug zu sein – gut genug für uns und gut genug für die Mitmenschen. Gut genug für diese Welt.
Daran werden wir aber kläglich scheitern, – denn wir Menschen streben bekanntlich immer nach mehr, da ist immer Luft nach oben. Gut genug wird es nie geben. Gut genug werden wir niemals sein.

Schlussendlich gibt es keinen Massstab für den Wert eines Menschen und wir sind alle wertvoll, so wie wir sind. Erst in dem Moment, in dem wir über uns selbst oder andere urteilen, erschaffen wir ein hierarchisches Selbst- bzw. Weltbild.

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