(Lebens-)Gefahr

Wir alle sind in unserem Leben bereits durch schwierige Zeiten gegangen; haben Schicksalsschläge erlebt, Traumas erlitten, schlimme Dinge gesehen und uns hilflos und alleine gefühlt. Wir alle wissen, wie es sich anfühlt, verletzt zu werden. Wie es sich anfühlt, zu zweifeln und sich und das Leben zu hinterfragen.
Du hast sie auch schon gespürt, die innere Leere, die dich so sehr in ihre Kälte einhüllt, dass du nicht mehr in der Lage bist, die warmen Sonnenstrahlen auf deiner Haut wahrzunehmen, nicht wahr?

Trauer, Angst, Leere – sie gehören zu diesem irdischen Leben, wie auch Glück, Freude und Zuversicht. Der Punkt ist, dass wir ihnen ausweichen wollen, uns vor ihnen schützen wollen, sie nicht fühlen wollen. Der Traurigkeit, Angst und Leere eilt ein wahnsinnig negativer Ruf voraus; diese Gefühle sind mühsam und anstrengend. Niemand mag sie, niemand möchte sie freiwillig fühlen und entsprechend haben wir über all die Jahre verlernt, diese Gefühle auszuhalten und anzunehmen. Alles was wir tun ist, flüchten und verdrängen. Nur die Wenigsten haben die Kraft und den Mut, sich ihren Gefühlen zu stellen und sich der Botschaft, welche hinter jedem Gefühl steckt, anzunehmen.

Auch ich habe mich jahrelang davor gedrückt, meinen Gefühlen und Emotionen eine Bühne zu geben. Auch ich habe mich anderweitig abgelenkt und bin rund um die Uhr im Beschäftigt-Modus geblieben, nur damit ich nicht hinhören und vor allem nicht „hin“fühlen muss. Es hat funktioniert, ziemlich lange und ziemlich gut. Aber ihr alle kennt das Fass und den letzten Tropfen, der es zum überlaufen bringt – platsch.
Ich bin ehrlich, ich weiss nicht mehr genau, was der letzte Tropfen war, denn er war unscheinbar und ungreifbar, hatte aber die Macht, meine Mauern einstürzen zu lassen.
Eine Explosion an Gefühlen, Emotionen, unkontrollierbaren Krämpfen und Heulattacken war die Folge. Ich war plötzlich nicht mehr stark, sondern schwach. Ich verkörperte plötzlich all das, was ich niemals wollte.

Was ich damit sagen will ist, dass es zu diesem „Zusammenbruch“ niemals gekommen wäre, hätte ich meinen Gefühlen immer wieder ein Ventil und den Raum um sich zu zeigen gegeben. Hätte ich sie gefühlt und durchlebt, wäre es durchaus weniger schlimm für mich geworden, definitiv. Und genau das ist es, was ich auch mit meinen Klienten erlebe; Erfahrungen und Erlebnisse gekoppelt an negative Gefühle führen dazu, dass wir automatisch eine Mauer errichten. Ganz oft ist es so, dass dies bereits in der Kindheit passiert und im Hinblick auf den Selbstschutz auch durchaus seine Berechtigung hat. Kinder haben noch nicht die Möglichkeit, sich intellektuell mit Geschehnissen und Emotionen auseinanderzusetzen. Sie können oft Situationen nicht einordnen oder verstehen. Der natürliche Reflex ist der Selbstschutz; welcher unter anderem sogar so weit führen kann, dass schwierige Szenen oder Geschehnisse komplett ausgeblendet und „vergessen“ werden.
Aber der Schein trügt, denn das unbewusste System vergisst nie. Deine Zellen, dein Körper, deine Seele – sie können sich an alles erinnern und werden dich immer wieder mit Signalen darauf aufmerksam machen.

Und genau diese Zeichen gilt es wahrzunehmen, zu deuten und anzugehen. Du bist jetzt kein Kind mehr und hast die Möglichkeit, Situationen anders wahrzunehmen und einzuordnen. Du hast die Möglichkeit, dich erneut auf die bereits vergangenen Geschehnisse einzulassen und sie umzuschreiben. Du hast die Möglichkeit, deine Zukunft völlig losgelöst von deiner Vergangenheit zu leben, komplett frei. Lass nicht zu, dass eine künstlich aufgebaute Mauer um dein Herz dein Leben bestimmt und dich nicht so leben lässt, wie du es gerne würdest. Lass nicht zu, dass du aus Angst vor Emotionen nicht mehr fühlen willst und deshalb immer mit angezogener Handbremse unterwegs bist. Gefühle sind nicht „böse“; lediglich unser Denken über sie, unsere Flucht und Angst vor ihnen, machen sie (lebens-)gefährlich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: