Abwehrmechanismen deiner Psyche

Unsere Psyche, vielleicht auch eher unser Ego, ist ein schlauer Fuchs – unglaublich schlau! Sie hat es gerne bequem und sicher und mag nichts lieber als die eigene, gemütliche Komfortzone. Wenn du beginnst, dich bewusst deinen dunklen, verborgenen und unliebsamen Anteilen zuzuwenden, findet dein Ego das ziemlich sicher gar nicht gut. Solange das Leben einigermassen im Gleichgewicht ist und das Chaos mehr oder weniger unter Kontrolle, ist das Ego happy.
Die Abwehrmechanismen unseres Unterbewusstseins sind nicht unsere Gegner; im Gegenteil, sie wollen uns schützen und ergeben Sinn- deshalb kämpfe niemals gegen sie an. Bedanke dich viel lieber dafür, dass es sie gibt. Der kurzfristige Schutz, den sie uns in Ausnahmesituationen anbieten, ist jedoch nicht immer in unserem langfristigen Sinne. Wenn sie dich daran hindern, dich mit dir und deinen Schatten auseinanderzusetzen, dann verhindern sie auf Dauer den Prozess von Wachstum, Transformation und Glück. Deshalb ist es von Vorteil, wenn du die Abwehrmechanismen deiner Psyche kennen – und zu durchschauen lernst. Dann kannst du dich fragen, was wehre ich denn jetzt eigentlich gerade damit ab und wäre vielleicht gerade jetzt ein guter Zeitpunkt, hinzusehen und mich dem Schatten zu stellen?
In den kommenden Zeilen möchte ich auf die gängigsten Abwehrmechanismen unserer Psyche eingehen und ich bin sicher, dass dir der ein oder andere sehr bekannt vorkommt. Welchen nützt du am meisten? Und warum? Sei ehrlich mit dir.

Verdrängung –  der Klassiker! Zum Beispiel die Verdrängung eines Wunsches. Du redest dir ein, in deiner Beziehung ist alles in Ordnung, du bist mehr oder weniger glücklich und zufrieden. Doch stellt man dir dann die Frage „wann habt ihr das letzte Mal wirklich miteinander gesprochen, auf eine wache, interessierte und romantische Art und Weise?“ wird dein Blick trauriger. Und geht man dann noch tiefer, kommen vielleicht noch viele weitere schon lange verdrängte Wünsche an die Oberfläche – Ehrlichkeit, Nähe, Humor, sinnliche Berührungen. Anstatt dich damit auseinanderzusetzen, verkriechst du dich in deine Arbeit, schaust Netflix oder triffst dich mit Freunden; verurteile dich nicht dafür, aber werde dir der Verdrängung und damit verbundenen Ablenkung bewusst. Und was verdrängst du wohl jetzt gerade?

Verleugnung – Wir nehmen einen ganzen Aspekt unserer Wirklichkeit nicht so wahr, wie er ist. Es gibt zum Beispiel Menschen, die verleugnen, dass sie kein Geld haben; gehen weiterhin in teure Restaurants oder Shoppen auf Kredit. Ihr Verhalten passt nicht zur Wirklichkeit. Es gibt Menschen, die single sind und sich nichts mehr als eine Partnerschaft wünschen, tun aber so, als wären sie alleine genau so glücklich. Sie verleugnen die nüchternen Fakten in einem bedeutsamen Bereich ihres Lebens. Was verleugnest du in deinem Leben?

Vermeidung – Mönche die im Zölibat leben, können ein gutes Beispiel für Vermeidung sein. Wenn jemand sagt „Lust bringt mein klares Konzept von Gott und der Welt durcheinander, ich vermeide sie am besten ganz“, liegt natürlich der Vorteil eines Klosters auf der Hand. Reize zu vermeiden, die unsere Schatten wecken könnten, ist menschlich – wir alle handeln an der ein oder anderen Stelle so. Wir vermeiden Gesprächsthemen, wir vermeiden den Kontakt zu ganzen Bevölkerungsgruppen oder speziellen Situationen, weil wir unbewusst wissen, dass sie unseren Schatten triggern würden. Was ist es bei dir? Welche drei Menschen oder Dingen gehst du gerne aus dem Weg?

Projektion – der Lieblingssport des Egos. Wir projizieren einen Gedanken, ein Gefühl oder was auch immer auf einen anderen Menschen. Das Grundprinzip funktioniert so „in dir sehe ich das, was ich an mir nicht mag“. Ich funktioniere dich zu einer Leinwand um, anstatt mich direkt mit meinem Schatten auseinanderzusetzen – ich projiziere ihn auf dich und kann ihn dann so selbstgefällig kritisieren. Warum kannst du das, was dich an einem anderen nervt, überhaupt wahrnehmen? Bingo- weil es in dir ist.

Reaktionsbildung – es bedeutet, eine entgegengesetzte Verhaltensweise anzuwenden. Du hast gelernt, dass Aggression etwas Schlechtes ist. Wenn nun jemand deine Grenzen überschreitet wäre es eigentlich gesund und wichtig, deinem Ärger Luft zu machen. Doch du denkst stattdessen „der Arme, der hat es bestimmt schwer in seinem Leben- ich nehme ihn lieber in den Arm“. Du wandelst eine ungewünschte Reaktion, nämlich Aggression, in einen Impuls um, den du moralisch gut findest und dir gestattest.

Regression – zurückfallen im Fühlen und Verhalten auf eine frühere Entwicklungsstufe. Du fühlst dich zum Beispiel alleine und unsicher, gehst zum Kühlschrank und nimmst deine Lieblingsschokolade. Vielleicht schaust du dir dabei noch einen Liebesfilm oder ein Märchen an. Wie ein kleines Mädchen oder ein kleiner Junge, die sich mit Süssigkeiten und Träumen tröstet.

Progression – du wirst übertrieben stark und tapfer. Du wirst zu einem echten Helden und leistest unglaubliches. Die Kehrseite davon ist, dass du deinen Schwächeanteil unterdrückst.

Sublimierung – man hebt etwas auf eine höhere Ebene (sehr verbreitet in der Spirit-Szene). Ich transzendiere das Schreckliche, dunkle und böse in das Licht. Man sublimiert Bedürfnisse oder Gefühle, weil man sie einfach nicht ausleben kann oder Angst hat davor. Umgangssprachlich könnte man auch einfach sagen, man redet sich etwas schön.  

Dramatisierung – Aus einer Mücke wird ein Elefant. Gefühle werden gerne hochgepushed. Aber nicht jeder, der gerade intensiv zu fühlen scheint, ist tatsächlich an der wahrhaftigen Emotion dran. Manchmal übertönt das Drama die eigentliche Stimmung und es wäre angebrachter den Mund zu Halten und den Schmerz zu fühlen, anstatt ihn lauthals in Empörung umzusetzen.  

Somatisierung – du fühlst oder denkst den Trigger nicht mehr, sondern er drückt sich in deinem Körper aus. Vielleicht bist du in deiner Beziehung nicht mehr ganz glücklich und plötzlich leidest du unter Migräneanfällen. Starker Kopfschmerz verhindert, dass du deinen emotionalen Schmerz fühlst und zugleich hältst du damit deinen Partner auf Abstand. Krankheiten und körperliche Symptome können so viel für uns kompensieren und dienen oft als Grund, weshalb wir gewisse Dinge nicht angehen können. Welche körperlichen Symptome könnten in deinem Leben einen Zusammenhang mit nicht gelebten Themen haben?

Nun kennst du ein paar Abwehrmechanismen unserer Psyche und selbstverständlich ist diese Liste nicht abschliessend.

Wie bereits erwähnt, sollen uns diese Strategien der Psyche schützen und vor Schmerz bewahren. Allerdings vergisst unser Ego einen zentralen Punkt:
Unsere Seele will erleben, fühlen und Erfahrungen sammeln. Sie unterscheidet nicht zwischen „gut“ und „böse“ – das ist lediglich unser Verstand. Je mehr wir uns also diesen Abwehrmechanismen hingeben, umso lebloser werden wir uns fühlen; das Leben wird zur Komfortzone; unser Herz aber schreit nach Abenteuer. Es ist also wichtig, auch hier einen Ausgleich zu finden- wann ist ein vorübergehender Abwehrmechanismus sinnvoll und hilfreich, wann ist es jedoch an der Zeit, ihn loszulassen und sich einer Herausforderung zu stellen?
Schattenarbeit ist kein Spaziergang – aber eine wunderschöne Klettertour auf den Gipfel des Seins. Also, zieh deine Wanderschuhe an und los geht’s!

Wenn du dich deinen Schatten stellen willst, lohnt es sich, dir ausserdem diese Fragen zu stellen:
Was ist für dich das Böse? Glaubst du, dass das Böse in der Welt sich auflöst oder weniger wird, wenn du es angreifst oder verdammst? Was genau macht dir an diesem Bösen Angst? Welche lebenden Menschen fallen dir ein, wenn du an das Böse denkst? Welche Eigenschaft an ihnen bewertest du als böse? Gibt es diese Eigenschaft eventuell, vielleicht nur als Samenkorn, auch in dir? Welche Eigenschaft an dir bewertest du, wenn du ehrlich bist, als schlecht, böse und dunkel? Was löst der Gedanke in dir aus, böse zu sein? Wo hältst du dich insgeheim oder offen für besser, liebevoller, erleuchteter als andere Menschen? Was glaubst du, braucht das Böse in dir, um Frieden zu finden?

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